Geschichte

 

Ursprung der Fasnacht

Nicht alle Wurzeln unserer Fasnacht sind aus Festfreude und Festlaune gewachsen. Sie wucherten eher im gespenstischen Geisterglauben unserer Urahnen. In eiskalten, dunklen Winternächten vertrieben wir als gfürchige, vermummte Gestalten verkleidet, böse Winterdämonen. Anderseits haben wir in freundlich schöner Vermummung die Frühlingsgeister gebauchpinselt.
Viel später, brachten unerschrockene Reisläufer verschiedenes, buntes „Agleg“ aus siegreichen Schlachten zu uns nach Hause. Das raue Vertreiben unserer beklemmenden inneren Ängste und der gruseligen Spuks artete dann durch kräftiges Hinunterspülen langsam in Mut bis feuchtfröhlichen Schalk aus. Mit wildem Tanz und sprühendem Übermut haben wir den vermeintlichen Sieg über die inneren, heimlichen und unheimlichen Teufelchen tage und nächtelang ausgiebig und feuchtfröhlich gefeiert.
Mit der Zeit wandelte sich der ursprünglichen Sinn mit dem ganzen Drumherum. Wir plagen uns nicht mehr um die gleichen Götter und Dämonen. Wir ertränkten nicht mehr unsere eignen, dumpfen Urängsten. Nur eines haben wir uns erhalten, das ausgelassene Austoben; auf das wollten wir nie verzichten. So verwandelten wir das wilde, urwüchsige Treiben bald in überbordende, bunte und fasnächtliche Ausgelassenheit. Aus dem „Agleg“ wurde ein prächtiges, buntes Kostüm, aus den angsteinflössenden Kriegstrommeln die festliche Narrentrommel, aus den dumpfen Geisterschellen die fröhlichen Fasnachtsschellen und aus dem unheimlichen Geistertanz wurde ein lüpfiger Narrentanz. Zeitlich wurde unser wildes Austoben vor der strengen Fastenzeit durch die Obrigkeit unerbitterlich kontrolliert und abgegrenzt.

Steiner Fasnacht

Schon am ersten Fasnachtstag, welcher früher am ersten Montag nach Dreikönigen stattfand, nüssläd eine grosse Rott auf dem Dorfplatz. Seit ein paar Jahren wurde der erste Fasnachtstag auf einen Freitag verlegt.
Am Güdelmontag, um halb sechs Uhr morgens nach dem Bätälüütä, startet die Fasnacht mit der Tagwache. Mit allen möglichen Kostümen aus Grossmutters altem Kleiderschrank tritt Gross und Klein an. Die Tambouren schlagen den Narrentanz und ziehen mit dieser Morgenrott vom Dorfplatz durch die Bahnhofstrasse zum Bahnhof. Weiter geht’s über die Eisenbahnbrücke in die Räbengasse und von da zur Schwyzerstrasse, wo bei der Lauigasse gewendet wird. Zurück im Dorf führt der Morgenzug durch die Mühlegasse und Schiisägässli zur Rossbergstrasse und endet auf dem Dorfplatz. Nachher gibt’s für alle Maschgraden in irgendeiner Wirtschaft eine Mehlsuppe.
Die Morgenrott startet dann wieder von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr und nüsselt im halbstundentakt auf dem Dorfplatz.
Die Nachmittagsrott startet um 13.00 Uhr und nüsselt bis abens um 19.00 Uhr auch wieder auf dem Dorfplatz. Die Rott, angeführt von Talibasch und Välädi, zieht unter den Klängen des Narrentanz vom Restaurant Kündig her durch das Maschgradengässli auf den Dorfplatz. Hier wird trummläd und gnüssläd, wobei sich die ganze Rott im Gegenuhrzeigersinn im Kreis auf dem Dorfplatz dreht. Natürlich verteilen die Maschgraden den rufenden Kinder: „Sind so guet, liäbä Maschgrad“ viele Orangen, Hudichräpfli, Füürstei, Süssigkeiten oder Wurst und Brot in grossen Mengen. Die Menschenmenge wird von Talibasch und Välädi im Schach gehalten indem sie gegeneinander ihre Runden auf dem Dorfplatz drehen und den Platz für die Maschgraden zum Nüsseln frei halten. Nach ca. 25 Minuten zieht die Rott weg und begibt sich in eine Wirtschaft, um den Durst zu löschen. Anschliessend kehrt sie wieder auf den Dorfplatz zurück. Dieser Ablauf wiederholt sich während des ganzen Tages. Während die Rott in den verschiedenen Gasthäusern ihre Pausen machen, können wir die Kinderrott und den Nachwuchs bestaunen. Die Kinderrott beginnt um 13.30 Uhr und wird um 16.00 Uhr wieder aufgelöst. Die Kinderrott wechselt sich immer mit der Rott ab.
Der Güdeldienstagmorgen gehört auch wieder den Kindern. Von 9.00 Uhr bis 11.00 Uhr können die kleinen Maschgrädli wieder ihr Bestes geben. Am Nachmittag wird um ca. 16.00 Uhr die Kinderrott mit der Kinderbescherung durch den Vorstand der Fasnachtsgesellschaft aufgelöst. Jedes Kind bekommt ein Säckli mit einem feinen Zabig (Wurst und Brot, Orangen, Hudichräpfli und Füürstei).
Auch am Güdeldienstag tritt die Nachmittagsrott um 13.00 Uhr vom Restaurant Kündig her durch das Maschgradengässli wie am Güdelmontag auf den Dorfplatz. Es wird wieder bis zum Undärämachä genüsselt. Eine Rott von bis zu 200 Maschgraden ist keine Seltenheit.

Die Rott

Der Name Rott soll von den Alemannen kommen. Ihre Krieger und Jäger bestanden aus vier Rotten zu 25 Mann. Dies ergab zusammen eine Hundertschaft. Man vermutet, dass die Jäger oder Krieger zur Sonnwende, vor und nach kriegerischen Erfolgen, Ihre Dämonentänze aufführten, mit Trank und Lärm, durch Schlaginstrumente. Bei den Urvölkern ist das heute noch der Brauch.
Der Hundertschaft stand der Hunn vor. Jede Rott hatte einen Rottführer. Die alten Eidgenossen kannten die Einteilung ihrer Kriegsmannschaft in Rotten ebenfalls noch. Ihnen war der Rottführer, der später als Hauptmann bezeichnet wurde, noch geläufig.

Steiner Narrentanz

Woher kommt der Narrentanz? Er wird wohl schon Jahrhunderte alt sein, man weiss nichts anderes. Schon die Urvölker begleiteten ihre Dämonentänze mit Trommeln und anderen Schlaginstrumenten. Der Lärm sollte die Geister vertreiben. Der Steiner Narrentanz ist wuchtig und rund, und man kann ihn richtig tanzen. Heute noch wird in Schwyz und Steinen gewetteifert, welches Dorf den älteren Narrentanz besitzt. Die Narrentänze in Schwyz, Brunnen, Sattel, Ägeri und Steinen tönen sehr ähnlich oder sogar gleich. Es ist anzunehmen, dass der einfache, runde und voll tönende zum Tanzen geeignete Narrentanz, der heute noch in Steinen heimisch ist, aus älterer Zeit stammt. Zu diesem alten Narrentanz passt das Nüsslen der Steiner, es geht auch mit groben Schuhen. Offen, rund, eher rau, vom Absatz zur Fusssohle im Takt der Trommelschläge wird genüsselt. Zur später Stunde wird der Narrentanz auch öfters einmal mit den folgenden Worten gesungen: “Karlini chumm, Karlini chumm chumm, Karlini chumm, Karlini chumm

Narrentanz abspielen (2MB, MP3)

Nüsslä

Heidnischer Kulttanz, alter Kriegsknechttanz oder Dämonentanz? Auf alle Fälle ist das Nüsslä etwas urtümlich Altes. Martin Gyr, 1878 – 1959, von Einsiedeln, ist davon überzeugt, dass der Nüsslertanz aus den helvetisch-römischen Kontakten stamme und eine heidnische Kulthandlung war. Söldner hatten ihn wahrscheinlich 1099 und 1155 in die Schweiz eingeschleust. Der Volkskundler Werner Röllin glaubt, dass der Nüsslertanz aus alten Landsknechttänzen besteht, weil Spielleute und Trommler schon immer zum alten Schwyzerkriegsvolk gehörten.
Das Nüsslä in Steinen sowie der Narrentanz, sind vom Rhythmus wie auch von den Bewegungen her einfacher und ruppiger gegenüber demjenigen der Nüssler von den Nebendörfern. Der Steiner nüssläd rund und dreht sich mit der ganzen Nüsslerrott auf dem Platz im Gegenuhrzeigersinn rundum. Nüsslä könnte von „Nuss auswerfen“ kommen oder, dass am Rollengurt hohle Nüsse angebracht waren, in denen vermutlich Steinchen als Tonverursacher eingeschlossen waren.
In Steinen nüssläd die Rott auf dem Dorfplatz, zieht von dort in eine Wirtschaft und wieder auf den Platz zurück und so weiter.

Undärämachä

Am Güdelziischtig sid uraltä Zytä am halbi achti ist das so genannte Fasnachtsundärämachä. Auf dem Dorfplatz wird ein Podium erstellt. Früher, wenn es genug Schnee hatte, wurde ein Schneestock gemacht. Zum Undärämachä gehört auf der Bühne ein Tischlein, ein Kerzenständer mit brennender Kerze, eine Flasche Weisswein, Gläser, damit der Narrenvater mit der Steinerräbä und den Musikanten und dem Rottführer anstossen kann. Die Rott zieht ab 19.00 Uhr vom Restaurant Hirschen weg, geht zum Löwen und wendet dort. Weiter geht’s durch die Herrengasse. Beim Restaurant Kündig wird der Narrenvater mit der Steinerräbä abgeholt. Über die Steineraabrücke geht’s um das Restaurant Stauffacher herum und zurück auf den Dorfplatz. Die Rott verteilt sich da in Ringform um die Bühne. Der Narrenvater begrüsst auf dem Podium die Maschgraden, Musikanten, Mitbürger und alle Bekannten. Die Steinerräbä steht neben dem Narrenvater. Zum ganzen Geschehen gehören auch zwei Musikanten. Der Narrenvater, Hauptperson des Undärämachä, dankt in Versform Gsätzli um Gsätzli
den Behörend, Vereinen und allen irgendwie am Wohl des Bürgers Beteiligten, zuletzt den ledigä Knabä und Meitli. Die Gsätzli in Versform sind Überlieferung und enden jeweils mit dem Ruf: „Sie söllid läbä inärä guätä Gsundheit, imänä bschtändigä Wohlsy und imänä drüüfachä läbi hoch, hoch, hoch, Ägschtrahoch.“ Beim hoch, hoch, hoch, Ägschtrahoch stimmen die Maschgraden ein. Diese Zeremonie soll der Narrenvater langsam und feierlich vortragen. Hierauf spielen die Musikanten ein Teil von einem Tänzli (Schwyzerjuuz). Paarweise oder solo tanzen die Narren um die Bühne. Dann spielen die Tambouren den Narrentanz zweimal durch. Die Rott tanzt, nüssläd und dreht sich dabei um die Bühne herum. So über 200 bis 300 Maschgraden sind im Minimum dabei, die dieses Spektakel mitmachen. Der Talibasch mit dem Pickel, der Välädi mit der Schaufel ausgerüstet (den Prügel haben sie abgegeben), vergraben bei diesem Undärämachä den „Schälläunder“ mid em ganzä Fasnachtsplunder“, so sagt es der Narrenvater. Jetzt tritt noch der erste Rottführer auf die Bühne und lässt den Narrenvater und seine Vorgänger la hochläbä. Als Zeichen, dass nun die Fasnacht beendet ist, ziehen alle Maschgraden ihre Masken aus und geben sich zu erkennen. Vom Kirchturm ertönt um 20.00 Uhr die uralte Bätgloggä, und die Tambouren hören auf den Narrentanz zu schlagen. Dazu gibt ihnen der Narrenvater mit einer Handbewegung den Befehl. Die Rott beendet das Undärämachä und das Nüsslä auch heute noch vor dem „Rössli“. Für ein weiteres Jahr ist die Fasnacht ausgetrommelt und usgnüssläd. In den Wirtschaften wird noch getanzt, bis der Narrenvater Feierabend bietet.

Zeitraum              Narrenväter                                                       Steinerräbä

1937-1940          Etter Anton, Bäckermeister                            Sophie Schibig

1941-1944          Schuler Daniel, Müsigricht                              Sophie Schibig

1945-1948          Schibig Meinrad, Hirschen                              Sophie Schibig

1949                     Vakant 

1950-1953           Holdener Alois, Restaurant Krone                 Sophie Schibig

1954-1955           Ulrich Xaver, Restaurant Adler                      Sophie Schibig

1956-1959           Suter Franz, Restaurant Löwen                     Tochter Beatrixe Suter

1960-1961           Ehrler Karl, Breiten                                          Tochter Frieda Ehrler

1962-1965           Annen Josef, Molkerei                                    Paula Ulrich

1966-1969           Kündig Paul, Restaurant Bierhalle                Tochter Ruth Kündig

1970-1971           Bürgler Paul                                                      Alice Andermatt

1972-1978           Ehrler Josef, Breiten                                        Cecile Rickenbacher

1979-1982           Grossmann Albert, Maschgradengässli       Jeannette Lüönd

1983-1988           Lüönd Carl, SteinertalTöchter                        Jeannette und Daniela Lüönd

1989-1992           Schnüriger Erwin, Herrengasse                     Tochter Yvonne Schnüriger

1993-1998           Marty Albert, Mühlegasse                              Tochter Doris Marty und Barbara Fässler

1999-2001           Armin Schuler, Tischmacher                          Cornelia Broch und Elin Annen

2002-2005           Annen Herbert, Molkerei                                 Töchter Elin und Marion Annen

2006- 2010          Arnold Alois, Spiegelbergweg                         Laura Aschwanden

2011- 2016          Markus Meyer                                                   Tochter Tatjana Meyer

2016                      Vakant

2017-                     Marty Geni, Hausmatt                                     Tochter Sandra Marty

 

Rottführer

Der erste und zweite Rottführer werden heute von der GV der Fasnachtsgesellschaft gewählt. Sie sind verantwortlich für die Rott. Sie geben dem Talibasch und Välädi bekannt, in welcher Wirtschaft es geht und wann die Rott vom Dorfplatz wegzieht und wieder auf den Dorfplatz zurückkehrt. Daneben sind sie besorgt, dass die Tambouren da sind, ferner für alles was zur Organisation einer Rott gehört.

1. Rottführer

1937 bis 1947        Alfred Schürmann-Holdener
1948 bis 1949        Josef Hofer-von Rickenbach
1950 bis 1961        Josef Annen-Merz
1962 bis 1967        Josef Ehrler-Krummenacher
1968                        Josef Arnold-Kälin
1969 bis 1974        Wernen Annen-Frey
1975 bis 1976        Xaver Schilter-Rickenbacher
1977 bis 1982        Bruno Kryenbühl-Bünter
1983 bis 1985        Geni Marty-Planzer
1986 bis 1988        Ivo Annen-Gander
1989 bis 1994        Paul Messerli-Iten
1995 bis 1997        Josef Marty
1998 bis 1999        Röbi Arnold-Siesto
2000 bis 2003        Gusti Gisler
2003 bis 2004        Marco Suter
2004 bis 2009        Philipp Holdener
2009 bis 2012        Kurt Schuler
2012 bis 2016        Martin Fässler

2016 bis                   Peter Inderbitzin



2. Rottführer

1937 bis 1945        Alois Suter-Strüby
1946 bis 1947        Josef Hofer-von Rickenbach
1948                         Heinrich Felchlin-Imhof
1949                        Josef Annen-Merz
1950 bis 1956        Walter Schibig-Inderbitzin
1957                         Xaver Büeler-Bättig
1958 bis 1961        Josef Ehrler-Krummenacher
1962 bis 1967        Josef Arnold-Kälin
1968 bis 1974        Xaver Schilter-Rickenbacher
1975 bis 1976        Herbert Annen-Gächter
1977                         Xaver Schilter-Rickenbacher
1978 bis 1982        Geni Marty-Planzer
1983 bis 1985        Ivo Annen-Gander
1986 bis 1987        Ernst Lüthi-Betschart
1988                         Paul Messerli-Iten
1989 bis 1994        Josef Marty
1995 bis 1996        Röbi Arnold-Siesto
1997 bis 1999        Gusti Gisler
2000 bis 2003        Marco Suter
2003 bis 2004        Philipp Holdener
2004 bis 2009        Kurt Schuler
2009 bis 2012        Martin Fässler
2012 bis 2016        Peter Inderbitzin

2016 bis                   Ranato Kryenbühl

Umzüge und Fasnachtsspiele

Jahr                          Anlass / Motto                                                                                           Verfasser

1937                        Der Talibasch isch wieder da                                                                   Dr. Paul Styger

1938                        Der Talibasch hed wieder z’tuä                                                               Dr. Paul Styger

1939                        Der Talibasch wott hüratä                                                                        Dr. Paul Styger

1947                        Der Talibasch hed s’Jubelee                                                                    Karl Schuler

1952                        Der Talibasch im Schuss, är macht mit de Konferenzä schluss        Karl Schuler

1957                        Am Talibasch vo Steine bringts dr Stammbaum Heime                     Karl Schuler

1962                        Wenn d’Sunnä schiint glänzt der Schnee,

                                 aber nid we am Talibasch sys Jubilee                                                     Karl Schuler

1967                        Zäntume lönd’s Rageetä uuf, der Talibasch, är pfifft d’ruf                  Karl Schuler

1972                        Zyte sind dasJosef Schorno

1977                        Dörflifasnachtohne  / Fasnachtsspiel

1982                        Der Talibasch vo Steine wott uuszieh vo dä Heimä                              Robert Weber

1987                        Was gits jetzt da scho z’chnurrä, diä erstä 50 Jahr sin doch durä     Robert Weber

1992                        Träumereien                                                                                                Robert Weber

1997                        Villa Talibasch

2004                        Talibasch Park

2007                        70. Jahre FG Steinen Jubiläum Motto: nüsslä, trummlä, luschtig sii

                                  Jubiläumsanlass

2009                        Piazza Talibasch

2012                        75. Jahre FG Steinen Jubiläum

2014                        Alles nur Theater

2017                        80 Jahre FG Steinen Jubiläum


Texte aus dem Heft von Josef Annen, Steinen: Sid uraltä Zytä… Allerlei vo dä Steiner Fasnacht